Samstag, 12. August 2017

Start in Rorschach - ein Parkplatz, ein Königreich für einen Parkplatz

Eigentlich schien alles einfach zu sein. Unsere Wanderung auf dem Jakobsweg sollte am Bodensee in Rorschach starten. Die ca. 270 km des Müncher Jakobswegs lagen hinter uns. Jetzt war ich schon sehr gespannt auf die Schweiz.

Auf eine Überfahrt mit dem Schiff von Lindau aus wollten wir verzichten, denn dann hätten wir mindestens um 5:00 Uhr losfahren müssen. Deshalb entschieden wir uns für das Auto. Wir konnten so um 7:00 Uhr aufstehen - eine ehr christliche Zeit. Der Plan war klar. Ins Auto setzen, hinfahren, parken, los geht's.

Aber wie das manchmal so ist, erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Bis Lindau verlief die Fahrt problemlos. Dann mußten wir die Autobahn verlassen. Es war nicht ganz einfach, auf der Landstraße den richtigen Weg zu finden. Aber letztlich waren wir doch relativ schnell in Rorschach.

Jetzt mußten wir nur noch einen Parkplatz finden. Einen Parkplatz? Genau das war unser Problem. Ich hatte mich zwei Wochen davor in der Touristeninformation erkundigt, wo Parkplätze in Rohrschach sind, auf denen man eine ganze Woche parken kann. Ich hatte sogar einen Plan bekommen, auf dem man die Parkplätze schön sehen konnte.

Wir versuchten unser Glück auf einem Parkplatz, der an einer S-Bahn-Station lag. Wie man am Park Automat sah, war es leider nicht möglich, länger als einen Tag zu parken. Pech gehabt! Also beschlossen wir, unser Glück in einem Parkhaus zu versuchen. Wir fuhren in die Innenstadt. Bald hatten wir ein Parkhaus gefunden. Eine Begrenzung auf einen Tag gab es hier nicht. Jedoch hätte jeder Tag über 20 Franken Parkgebühr gekostet, was vorkommen inakzeptabel war.

Also ging unsere Suche weiter. Wir mussten einsehen, das unsere Parkkarte vollkommen wertlos war. Wir suchten also auf gut Glück. Aber genau dieses verließ uns jetzt. In der Innenstadt konnte man nirgendwo das Auto stehen lassen. Alles war mit schweizer Präzision markiert. Anwohnerbereiche, Parkverbotsbereiche, stundenweises parken. Keine Chance unser Auto eine Woche stehen zu lassen.

Nun überlegten wir glücklosen Wanderer, wo wir vielleicht doch noch einen Parkplatz finden könnten. Vielleicht wäre es ja das klügste, es am Stadtrand zu versuchen?

Wir schlängelten uns auf engen Straßen immer weiter weg vom Stadtkern. Schließlich kamen wir in ein Wohngebiet mit schönen breiten Straßen und vielen Parkplätzen. Das sah doch recht gut aus - fast zu gut. Leider war nicht zu erkennen, ob man hier einfach so parken konnte. Also fragten wir die Anwohner. Es war schwierig jemand zu finden, alles wirkte wie ausgestorben. Ich klingelte an mehreren Häusern - keiner da. Endlich hatte ich einen Mann gefunden. Er meinte: das wäre ja ein Wohngebiet, wir könnten das Auto vermutlich stehen lassen, aber wenn es jemand stören würde, könnte es schon ein Problem geben. Das half uns natürlich gar nichts.

Ein Stück weiter aufwärts fanden wir einen Parkplatz. Er gehörte, zu einem Armbrustschützen Verein. Armbrustschützen Verein???  Ich mußte grinsen. Armbrustschützen Verein mit Parkplatz - eine sehr exotische Angelegenheit. Alles wirkte verlassen, aber auch sehr gepflegt. Sollten wir hier mehr Glück haben?

Wieder versuchen wir die Anwohner zu fragen. Eine alte Frau öffnete die Tür. Sie war freundlich. Wir erklärten, daß wir Jakobspilger seien und unser Auto gern hier irgendwo für eine Woche parken wollten. Zu unserer Überraschung meinte sie, daß es vermutlich gehen würde. Ja sie bot uns sogar an, bei den Armbrustschützen anzurufen und ihnen Bescheid zu sagen. Wirklich nett! Das hörte sich schon viel besser an.

Ich überlegte mir, daß es vielleicht eine gute Idee wäre, außerdem noch einen Zettel zu hinterlassen mit unserer Telefonnummer und der Informationen, daß wir nach einer Woche wieder da wären. Das hätte uns vielleicht noch mehr Sicherheit gegeben. Ich sah mir das Vereinshaus näher an, fand aber keinen Briefkasten oder eine andere Möglichkeit,  einen Zettel zu hinterlegen. Deshalb beschlossen wir, uns auf die Auskunft der alten freundlichen Frau zu verlassen. War das zu einem großen Risiko? Wir wussten es nicht. Aber wir waren schon sehr spät dran, mindestens zwei Stunden hinter unserem ursprünglichen Plan. Wir mußten nun einfach los!!! Sollte es kommen, wie es kommen sollte.

Wir nahmen unsere Rucksäcke, warfen von einem letzten Blick auf das Auto, auf das Haus der alten Frau und gingen los. Wir vertrauten unserem Gefühl und der freundlichen Frau.
Wir hatten nun doch noch eine Parkplatz gefunden und wir stellten sehr erfreut fest, daß der Jakobsweg unmittelbar am Haus der alten Frau vorbei ging. War das ein Zeichen? Wir konnten einfach loswandern ohne erneut zu suchen – unser Ziel war nun Herisau.

Am Ende unserer Wanderung ging es zurück nach Rorschach mit dem Zug. Am Bahnhof angekommen suchten wir den richtigen Weg. Wie weit war es? Ein Blick auf Googlemaps half weiter, ca. 20 min Fußweg.

Wir waren alle ziemlich erledigt. Doch plagt uns die ganze Zeit eine Frage: Stand unser Auto noch da? Und wenn es nicht mehr dastand, was sollte wir machen? Wir stellten uns verschiedene Szenarien vor. Hofften aber letztlich, daß unser altes Pferdchen noch an Ort uns Stelle stand.

Schließlich kamen wir wieder in das bewußte Wohngebiet. Diese Ungewißheit war schon ziemlich aufregend. Denn eines wußten wir nach 6 Tagen wandern in der Schweiz. In Sachen Parken verstanden die Eidgenossen keinen Spaß.

Der matte Schein der Straßenlampe  leuchtete den Parkplatz vor dem Armbrustschützenverein nur am Eingang aus. Wir mußten also noch ein paar Meter mehr laufen, um Gewissheit zu bekommen. Schließlich zeichneten sich die Umrisse eines Autos am Ende des Parkplatzes ab. Aber war das unser Auto? Ja, es war unser Auto. Schwein gehabt! Wir freuten uns unglaublich.

Doch was war das? Unter dem Heckscheibenwischer steckte ein Zettel. Zu früh gefreut? Ein saftiger Parkzettel? Er war ziemlich groß, zu groß für einen Parkzettel. Ich holte meine Taschenlampe raus. Es war ein handgeschriebener Zettel auf dem stand: "Wen das Auto stört, der soll keine Fotos machen, sondern sich bei dem Haus hinter dem Parkplatz melden!"

Es war die freundliche Frau, die sich Sorgen um unser Auto gemacht hatte. Unglaublich nett! Vermutlich hatte sie auch beim Armbrustschützenverein Bescheid gesagt.

Ich schaute mich um und sah, daß im Haus der Frau noch Licht brannte. Sie hatte mich Sicherheit ein kleines Dankschön verdient. Deshalb klingelte ich bei ihr und hoffte, Sie nicht zu stören. Erst tat sich nichts und ich überlegt mir, wo ich die 20 Franken die ich ihr geben wollte, hinstecken sollte. Aber dann erschient sie an einem klein Fenster über der Treppe, fragt wer das sei. Als sie hörte, daß ich es sei, wollte sie gleich wissen, wie unsere Wanderung auf dem Jakobsweg war. Wirklich süß! Ich schilderte ihr kurz, wie wir vorangekommen waren und bedankte mich nochmal herzlich für den Parkservice. Als ich ihr das Geld gab, freute sie sich. Wir verabschiedeten uns wie alte Bekannte und wir werden sie sicher gut in unserer Erinnerung behalten.

So ein Armbrustschützen Parkplatz kann schon eine sehr praktische Sache sein. Wir stiegen alle in unser Auto und waren glücklich über dieses schöne Ende unserer Pilgertour.

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